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Sucht: Zwischen Rausch und Katerstimmung

 
Tafel mit Sucht

Bei einer Suchterkrankung kommen viele Faktoren zusammen. Meistens handelt es sich um eine Wechselwirkung von Persönlichkeit des Betroffenen, sozialem Umfeld sowie Beschaffenheit und Verfügbarkeit der Droge. Das Geschlecht spielt eine entscheidende Rolle: Männer liegen mit 70 Prozent an der Spitze der Alkohol-, Tabak- und Drogenabhängigkeit. Wie hängen Männlichkeit, Risiko und Rausch zusammen?

„Doing Gender with Drugs“

Ein „ganzer Kerl" ist trinkfest und zeigt „Stehvermögen" an der Theke - Risiken einzugehen sind oft Kennzeichen männlicher Identität. Es ist daher kein Zufall, dass Alkohol und illegale Drogen weitaus häufiger und in größeren Mengen von Männern als von Frauen konsumiert werden.

Wirft man einen Blick auf die Geschlechterverteilung bei den Abhängigkeiten, ergibt sich folgendes Bild:

Abhängigkeiten/Störungen 

Geschlechterverteilung  

 Alkohol

 2/3 Männer, 1/3 Frauen

 Illegale Drogen 2/3 Männer, 1/3 Frauen
 Pathologisches Glücksspiel 9/10 Männer, 1/10 Frauen
 Medikamente 1/3 Männer, 2/3 Frauen

Insbesondere heranwachsende Männer pflegen einen riskanten und auffälligen Umgang mit legalen und illegalen Drogen. Sicherlich spielen dabei gesellschaftliche Vorstellungen eine Rolle, die von jungen Männern ein entsprechendes Risiko- und Aggressionsverhalten erwarten. Im Rausch können Unverletzlichkeitsphantasien ausgelebt und Stärke und Macht demonstriert werden.

Männliches Rauscherleben findet meistens in der Gruppe statt. „Kampf- und Komatrinken" der Minderjährigen bringen neben dem bewussten Abbau von Blockaden und der Überwindung von Hemmschwellen eine Kollektiverfahrug und erhöhte Risikobereitschaft. In diesen Situationen kommt es vermehrt zu Aggressionen und Gewaltanwendung im öffentlichen Raum und damit zu erheblichen Problemen mit dem sozialen Umfeld. Die Folge dieser traditionellen männlichen Identitätskonstruktion ist, dass unter Männern doppelt so viele Alkohol- und Drogenabhängige zu finden sind wie unter Frauen.

Dass männliche Erwachsene verstärkt Suchtmittel konsumieren, hängt auch mit speziellen „Gender-Faktoren" zusammen.

Auch das 21. Jahrhundert setzt auf traditionelle Männlichkeit, also den „überlegenen, erfolgreichen Mann". Doch viele Heranwachsende und Männer fühlen sich nicht überlegen, sondern eher verunsichert. Immer höher werdende Leistungsanforderungen im Beruf, der häufige Vergleich mit vermeintlichen männlichen Vorbildern, die nicht seltene Verleugnung „weicher Wesenszüge" (die als unmännlich oder uncool gelten), führen oft zu innerlichen Spannungen und Problemen. Der Rückgriff auf Suchtmittel soll hier die vermeintliche Abhilfe schaffen.

Sucht hat viele Gesichter

verschiedene Rauschmittel

Nicht jeder Gebrauch einer psychoaktiven Substanz (Alkohol, Nikotin etc.) bedeutet, dass man unweigerlich abhängig wird. Schließlich ist Drogenkonsum nicht automatisch mit Drogenmissbrauch gleichzusetzen. Ob ein Drogenkonsum schädlich ist oder zu einer Sucht wird, hängt immer vom Umgang mit der jeweiligen Substanz ab.

Wovon kann man abhängig werden? Zu unterscheiden ist zwischen substanzgebundenen und nicht substanzgebundenen Süchten. Im Prinzip kann eine Abhängigkeit nicht nur im Zusammenhang mit Substanzen - also legalen und illegalen Drogen -, sondern auch mit jedem menschlichen Verhalten entstehen.

  • Zu den legalen Suchtmitteln zählen Alkohol, Tabak, Koffein, Teein, Schnüffelstoffe und verordnete Medikamente. Letztgenannte nehmen einen gesonderten Platz ein, da sie sich in ihrer Wirkung (Benzodiazepine, Schmerzmittel) unterscheiden. Erfahrungsgemäß sind viele nicht nur von einer Substanz abhängig, sondern trinken, rauchen, schlucken und schnüffeln.
  • Illegale Suchtmittel sind Substanzen, die unter das sogenannte „Suchtmittelgesetz" fallen und verboten sind. Dazu zählen Opiate, Cannabisprodukte, Amphetamine, Heroin, Kokain und Crack, synthetische Drogen, nicht verordnete Medikamente etc.
  • Doch es gibt auch substanzungebundene Suchterkrankungen, die sich durch bestimmte Verhaltensweisen auszeichnen. Dazu zählen Spiel-, Internet-, Sport-, Kauf-, Arbeits- sowie Ess-/Magersucht. Die Dynamik der substanzungebundenen Suchtmuster zeigt Parallelen zu dem, was beim Konsum suchterzeugender Substanzen vor sich geht. Unterschiede: Bei den Süchten, die an keine Suchtstoffe gebunden sind, fällt die spezifische Substanzwirkung auf das Zentralnervensystem weg. Es kommt zu keinen Bewusstseinsveränderungen, die durch die Stimulation spezifischer Rezeptoren im Gehirn hervorgerufen werden. Nicht stoffgebundene Süchte sind sozial anerkannt, es fällt dem Betroffenen eher leicht, den suchtartigen Charakter lange geheim zu halten. Allerdings können Verhaltensweisen mit Suchtcharakter auch der Einstieg für stoffgebundene Abhängigkeit sein. So kann z. B. Arbeitssucht mit Nikotin-, Koffeinsucht und der Abhängigkeit von Aufputschmitteln einhergehen.

Sucht entsteht im Kopf

Was zunächst als gelegentliches Mittel zur Stressreduzierung oder zum Abschalten eingesetzt wird, der Geselligkeit oder dem Abbau von Hemmungen dient, kann schnell zu Gewohnheit oder Missbrauch, im ungünstigen Fall zu Abhängigkeit oder Sucht führen. Klar von der Sucht abzugrenzen ist ein maßvollger Alkoholkonsum, der einem kultivierten Genuß dient.

Es entsteht ein Teufelskreis: Scheinbar verbessern Alkohol, Drogen und Medikamente eine unbefriedigende und als unerträglich erlebte Situation. Aber sobald die Wirkung der Substanz nachlässt, kommt es im wahrsten Sinne des Wortes zur „Ernüchterung", da sich an der Realität nichts verändert hat. Oftmals erscheint diese sogar noch unerträglicher, sodass die Droge erneut gebraucht wird, um der Situation zu entfliehen.

Wann spricht man eigentlich von Abhängigkeit? Als maßgebliche Indikatoren gelten:

  • unwiderstehliches Verlangen nach einer Substanz,
  • zunehmender Kontrollverlust über die Dosis,
  • körperliche und psychische Entzugserscheinungen,
  • eine Toleranzentwicklung (steigender Dosisbedarf, um dieselbe Wirkung zu erzielen),
  • anhaltender Konsum trotz eindeutig schädlicher Folgen,
  • Einengung des Verhaltens auf den Substanzgebrauch,
  • fortschreitende Vernachlässigung anderer Interessen zu Gunsten des Substanzkonsums.

Treffen mindestens drei Kriterien über den Zeitraum eines Jahres zu, muss von einer Suchterkrankung ausgegangen werden.

Durch den Konsum von Alkohol, Nikotin und Drogen kommt es im Gehirn, konkret im limbischen System, das für Schmerz, Emotion und Wohlbefinden zuständig ist, verstärkt zu einer höheren Ausschüttung des Botenstoffes Dopamin. Der erhöhte Dopaminspiegel wirkt beglückend, euphorisierend und stimmungserhellend. Das „Belohnungszentrum" schreit nach Wiederholung des durch „Drogen" ausgelösten Glückserlebnisses. Benötigt wird aber eine zunehmend höhere Dosis in immer kürzeren Zeitfolgen, um das erstrebte Gefühl zu erreichen. Bleibt die Drogenzufuhr aus, sinkt der Dopaminspiegel und löst körperliche, schmerzhafte Entzugserscheinungen aus.

Eine entscheidende Rolle spielt die Bildung des sogenannten Suchtgedächtnisses. Dabei werden im Gehirn die suchtauslösenden Reize (Anblick oder Geruch des Suchtmittels) mit den Erfahrungen eines erhöhten Dopaminspiegels zusammengespielt.

Sucht als Erblast

Suchterkrankungen treten in einigen Familien gehäuft auf, was sich sowohl aus genetischen als auch aus Umweltfaktoren erklären lässt. Familienstudien wiesen nach, dass eine biologische Veranlagung für die Sucht besteht und dass spezielle Gen-Konstellationen z. B. das Risiko von Alkoholismus erhöhen können. 

Ist der Drogenkonsum alltäglich, der Rausch „normal", besteht die Gefahr, dass heranwachsende Kinder in Konfliktsituationen ebenfalls zu Drogen greifen. Kindheitserfahrungen, die von mangelnder Fürsorge, Vernachlässigung, Missbrauch etc. geprägt sind, führen häufig zu Traumata (seelische Verletzung), die Erwachsene später mittels Drogenkonsum verdrängen wollen.

Quellenverzeichnis

Auserwählte Literatur

Ameisen, O. (2009): Das Ende meiner Sucht. München

Apter, M. (1992): Im Rausch der Gefahr. Warum immer mehr Menschen den Nervenkitzel suchen. München

Batthyány, D.; Pritz, A. (2009): Rausch ohne Drogen. Substanzungebundene Süchte. Heidelberg

Böckem, J. (2012): Danach war alles anders. Suchtgeschichten. München

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2002): Statistische Grundlagen. Berlin

Connel, R. W. (2000): Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen

Eisenbach-Stangl, I.; Lentner, S.; Mader, R. (2005): Männer, Frauen, Sucht. Wien 

Lesch, O.-M.; Walter H. (2009): Alkohol und Tabak. Medizinische und soziologische Aspekte von Gebrauch, Missbrauch und Abhängigkeit. Wien 

Mann, K.; Havemann-Reineke, U; Gassmann, R. (2007): Jugendliche und Suchtmittelkonsum. Freiburg

Schneider, R. (2011): Die Suchtfibel. Wie Abhängigkeit entsteht und wie man sich daraus befreit. Information für Betroffene, Angehörige und Interessierte. Baltmannsweiler

Weiterführende Links

Anonyme Alkoholiker Österreichs: www.anonyme-alkoholiker.at 

Anton-Proksch-Institut (o. J.) Sucht in Österreich - kein Randgruppenphänomen. www.api.or.at/typo3/startseite/startseite.html 

Österreichische ARGE Suchtvorbeugung. www.suchtvorbeugung.net/ 


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